Projekt: Gut-Leben in Rhede

Mi. 17. Juni 2026
Rhede Gut-Leben

NOZ. 17.06.2026

Gemeinschaft und Arbeitspflicht

In Rhede wie im Kloster leben: Was in einem Wohnprojekt am Sielsee für Senioren steckt

Ein Wohnprojekt in Rhede will das Leben im Alter neu denken: mit starker Gemeinschaft und sogar einer Arbeitspflicht. Die Umsetzung ist jedoch an eine wesentliche Bedingung geknüpft.

Das Interesse ist enorm. Mehr als 130 Menschen versammeln sich am Montagabend im Gemeindezentrum „Anker“ in Rhede. Wer von ihnen jedoch geglaubt haben sollte, es gehe bei der Infoveranstaltung zur Projektidee „Gut Leben am Sielsee“ um eine Nachnutzung des geschlossenen Alten- und Pflegeheims St. Nikolausstift, lag falsch. Sie spielt im Laufe des Abends nur eine Nebenrolle.

Initiatoren mit Wurzeln in Rhede: Willy Lückmann und Dirk Terfehr

Vielmehr stellen Willy Lückmann, Wirtschaftsprüfer, Steuerberater sowie Rechtsbeistand aus Papenburg, und Dirk Terfehr, Inhaber des Büros „Eden Architekten“ in Leer, ein außergewöhnliches Wohnprojekt für ältere Menschen vor, denen das Eigenheim zum Beispiel nach dem Auszug der erwachsenen Kinder zu groß wird. Sowohl Terfehr als auch Lückmann haben ihre Wurzeln in Rhede.

Zentrale Frage ist nach Darstellung von Bürgermeister Jens Willerding (CDU), wie gutes Leben im Alter vor Ort gestaltet und Vereinsamung entgegengewirkt werden kann – insbesondere durch Gemeinschaft, Teilhabe und wertschätzende Arbeit. „Allein leben macht krank“, stellt Lückmann fest.

„Aktivhof“ mit 44 barrierefreien Mietwohnungen am Sielsee

Auf dieser Grundlage haben er und Terfehr ein Konzept für eine energetisch moderne Anlage mit 44 barrierefreien Mietwohnungen mit Größen von 35 bis 144 Quadratmetern entwickelt. Entstehen könnte der sogenannte „Aktivhof“ auf einer mehr als zwei Hektar großen Fläche an der Borsumer Straße direkt am Sielsee. Dafür müssten die Eisfläche und der Rodelberg weichen. Sie würden in unmittelbarer Nähe neu angelegt.

Die Formulierungen im Konjunktiv haben ihren Grund, denn: „Es ist noch nichts beschlossen und nichts entschieden“, betont Willerding. Überdies sind auch noch zahlreiche Detailfragen offen. Gemeinde und Initiatoren hätten sich aber dafür entschieden, so transparent wie möglich zu sein und die Bürger von Anfang an mitzunehmen. Dazu gehört im Übrigen auch eine personalisierte Meinungsumfrage.

Jeder Bewohner bringt persönliche Fähigkeiten aktiv ein

Dass die kleinteilige Anlage auf von Terfehr und Lückmann gezeigten Skizzen baulich an ein Kloster erinnert, ist kein Zufall. Genau aus dessen Form des Zusammenlebens sei die Idee entstanden, ein attraktives Lebensmodell zu entwickeln. Darin bringt jeder Bewohner einen Teil seines Hausstandes wie zum Beispiel Werkzeug, vor allem aber seine persönlichen Fähigkeiten aktiv ein. Das „Dorf im Dorf“ umfasst unter anderem Innenhof, Bouleplatz, Brunnen, Gemüsegarten und Gewächshaus, Werkstatt, (Wohnmobil-)Stellplätze und Werkstatt.

Das Konzept sieht 16 Drei-, 21 Zwei- und 7 Einzimmerwohnungen vor. Hinzu kommen diverse Gemeinschaftsräume wie Küche, Café, Büros und Waschsalon. Erklärtes Ziel: bewusster Verzicht auf größere private Fläche zugunsten von mehr gemeinsamer Qualität.

Konzept schafft bewusste Abhängigkeit untereinander

Dass die in Rhede geplante Wohnanlage baulich an ein Kloster erinnert, ist kein Zufall.

„Ich habe mich lange Zeit mit der Frage beschäftigt, wie ich als Rentner dem Wegfall des Arbeitsplatzes, dem damit einhergehenden Verlust der Teilnahme am Wirtschaftsleben und der daraus entstehenden Vereinsamung baulich entgegenwirken kann“, erklärt Lückmann. Das Konzept schaffe bewusst eine gegenseitige Abhängigkeit. Eine jeweils gemeinsame Bibliothek, Fahrradwerkstatt, ein zentraler Einkauf oder auch ein großer Fernsehraum in Form eines Kinos würden dazu führen, Kontakt miteinander aufzunehmen.

Wie „ein Dorf im Dorf“ ist das Wohnprojekt in unmittelbarer Nähe zum Sielsee in Rhede konzipiert.

Weitere wesentliche Aspekte bei dem wohngemeinschaftlichen Zusammenleben sind Teilhabe und Beschäftigung. Lückmann spricht in diesem Zusammenhang salopp sogar von „Arbeitszwang“, der zunächst durchaus abschreckend wirken könne.

Stiftung soll „Willy & Margret Lückmann Aktivhof“ heißen

Tatsächlich sieht das Modell beispielsweise vor, dass Bewohner als aktive Senioren stundenweise lokale Handwerksbetriebe oder Vereine als Arbeitshilfskraft unterstützen oder leichte Verwaltungsaufgaben übernehmen. Statt eines Lohns soll sich dadurch die Miete verringern beziehungsweise die Vergütung in die Finanzierung des Gemeinschaftslebens (Einkäufe, Ausflüge) fließen. Dadurch würden die Bewohner im Wirtschaftskreislauf des Dorfes aktiv, und sie selbst länger fit bleiben.

Um das Ganze in eine Grundordnung zu gießen, soll es eine gemeinnützige Stiftung namens „Willy & Margret Lückmann Aktivhof“ geben. Ein ehrenamtlicher Stiftungsbeirat soll unter anderem die Arbeitsverteilung organisieren sowie das Zusammenleben auf dem „Aktivhof“ regeln. In die Anlage sollen in erster Linie Rheder einziehen.

Unter sattem Grün liegt zurzeit die Eisfläche an der Borsumer Straße in Rhede. Hier könnte der „Aktivhof“ gebaut werden.

Aus dem Experiment soll ein Erfolgsmodell werden

Und auch wenn bei diesem laut Lückmann „komplexen Thema“ noch viele Fragen wie die nach den Mietpreisen offen sind, zeigen sich er, Terfehr sowie auch Bürgermeister Willerding davon überzeugt, dass aus dem innovativen „Experiment mit einem hohen gesellschaftlichen Anspruch“ ein Erfolgsmodell werden kann. „Viele andere Kommunen würden sich so etwas wünschen“, meint Lückmann.

Willerding sieht das Pilotprojekt als eine Ergänzung zu bekannten Formen des (betreuten) Wohnens für Senioren. „Wir brauchen einen gesunden Mix.“

Bürgermeister Willerding knüpft die Umsetzung an eine Bedingung

Der Bürgermeister macht in diesem Zusammenhang aber auch deutlich, dass eine Umsetzung nach dem Aus für das St. Nikolausstift von einer Zukunft der Gemeinde als Altenpflegestandort abhängt. Hier sei er angesichts von Gesprächen zwischen einem Investor und der katholischen Kirchengemeinde als Trägerin sehr zuversichtlich.

Das St. Nikolausstift in Rhede ist im Frühjahr 2026 geschlossen worden.

„Wir brauchen in Rhede eine Altenpflege in ähnlicher Weise, wie wir sie kannten“, betont Willerding. „Das hat Priorität. Solange das Thema Altenheim nicht geklärt ist, wird es keine positive Beschlussfassung für das Wohnprojekt geben.“ Dafür erntet er prompt Applaus von den Zuhörern im „Anker“.

Und doch sieht der Bürgermeister in dem Vorhaben, das durch den sogenannten „Bauturbo“ beschleunigt werden könne, „eine große Chance für Rhede, dem demografischen Wandel entgegenzuwirken“. 2036 würde allein im Ortskern der Einheitsgemeinde in rund 200 Häusern mindestens ein Mensch leben, der älter als 70 Jahre ist, prognostiziert Willerding.

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